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Gartenliebe in der Großstadt

20. November 2017
all-the-somethings-Gartenliebe in der Großstadt

Wir wohnen im schönen Stuttgarter Westen. Wir, das sind Björn und ich. Seit 6 Jahren leben wir in der baden-württembergischen Hauptstadt. Im Kessel, eingerahmt von Weinbergen, zwischen nicht endenden Autostaus und Kehrwoche, zwischen kleinen Hipster-Kneipen und schicken Restaurants, nicht richtig ländlich, aber irgendwie auch nicht ganz städtisch. Ganz muggelig, wie man es schwäbisch sagt, und doch irgendwie beengt.

Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Also zu Stuttgart. Der Job brachte uns in die Stadt und hier sind wir nun. Schön ist er schon irgendwie, der Stuttgarter Westen. Im Vergleich zu vielen anderen Stuttgarter Stadtteilen auch ganz beachtlich grün. Dennoch reiht sich Wohnhaus an Wohnhaus, umkreist von S- und U-Bahn Gleisen. Dazwischen ab und an ein Fleckchen Grün. Park nennt sich das, Stadtpark. Doch wer will da wirklich bei schönem Wetter hin? Mit 100 anderen auf der bereits platt gelegenen Wiese neben Hundekot und verloren Kinderspielsachen gemütlich den Sonntagnachmittag verbringen?

Richtig idyllisch geht anders. Und das eigene Gemüse anpflanzen? Ohne Balkon oder Terrasse schlechte Grundvoraussetzungen. Ein Garten muss her! Ein grünes Kleinod nur für uns. Doch das ist in Stuttgart so einfach zu finden wie einen Parkplatz nach 19 Uhr – Gar nicht!

Internet an, Recherche läuft, Erfolg gleich Null. Was wir auf Anhieb finden sind Mitgliedschaften in Kleingartenvereinen oder auch sehr beliebt die Gartenpacht für schlappe 600€ im Monat. Wartezeit 6 Jahre. Klar. Wir wollen einen Garten, jetzt, und nicht erst in 6 Jahren. Wir wollen auch keine Vereinsordnung, die uns vorschreibt wie hoch unsere Hecke oder unser Zaun oder unsere Tomaten sein dürfen. Frust macht sich breit. Wir legen den Gartentraum vorerst beiseite. In unserer drei Zimmer Dachgeschosswohnung geht es doch auch. Unsere ersten Pflanzversuche starten wir hier. Die Tomaten gelingen, doch haben die Pflanzen zu wenig Licht. Die Ernte lässt sich an einer Hand abzählen. Die mickrigen Tomätchen hängen schlaff an den dünnen Zweigen. „Irgendwann“ denken wir, irgendwann wird er wahr, der Traum vom eigenen Grün…

Irgendwann ist dann schließlich Juli 2016.

Meine Großeltern hatten einmal einen großen Garten. Ich glaube den haben meine Eltern sogar noch. Der wird aber nicht mehr genutzt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob der überhaupt noch zugänglich ist. Seit dem Tod von Oma und Opa sind nun etwa 10 Jahre vergangen. Der ist sicher ziemlich verwildert. Soll ich mal nachfragen?, sagt Timo, mein Arbeitskollege.

Ich höre wie ich JA sage, nein, beinahe schreie, und wie sich innerlich ein kleines Fünkchen Hoffnung breit macht.

Der war ganz schön groß, wenn ich mich richtig erinnere. 16 Ar groß.

Schluck. Wie viel Meter, ähm Quadratmeter waren nochmal 1 Ar?!?

Nur zwei Wochen später fahren wir gemeinsam mit meinem Kollegen und seinen Eltern zur Besichtigung des Gartens, nein Waldstück, nein Urwalds, nein Dschungels – Brombeerdschungels! Brombeerhecke an Hecke ist das Einzige was wir sehen, als wir den steilen Hang zum Gartengut hochfahren. Meterhohe Thujenbäume umrahmen das Grundstück, wilde Wiese und Moos bedeckt den gesamten Boden.

Große Gartenliebe - 16Ar große Gartenliebe!
Große Gartenliebe – 16Ar große Gartenliebe!
Wildwuchs und Natur pur!
Wildwuchs und Natur pur!

Das hölzerne und mittlerweile morsche Gartentor bricht in sich zusammen, als wir es nach 10 Jahren das erste Mal öffnen. Ohne Heckenschere kein Durchkommen. Nicht mal auf den ersten 10 Metern. Wagemutig schlagen sich Timo und sein Vater durchs Geäst, natürlich in kurzen Hosen und T-Shirt, ist ja schließlich ein sonniger Sommertag. Die Brombeerstacheln bohren sich in die Haut, Blut fließt. Kein Zetern und kein Zögern, weitermachen, wir wollen rein!

Der erste Brombeerschnitt nach 10 Jahren "Dornröschenschlaf"
Der erste Brombeerschnitt nach 10 Jahren „Dornröschenschlaf“

Die Herren mit den Schneidegeräten voraus und wir hinterher. Wir bahnen uns Wege, die seit Jahren kein Mensch mehr betreten hatte. „Verwunschen“ ist der Begriff, der mir auf der Zunge liegt.

Ach du große Güte!, gibt Timos Mutter von sich, als wir weiter und weiter in das wilde Grün vordringen.

Nach einigen Metern haben wir es bis zum zentralen Punkt des Gartens geschafft. Wir entdecken Steinplatten, eine Treppe und da schau an, ein Gartenhaus. Mitten in diesem Dschungel ein Gartenhaus. Komplett aus Holz, mit alten braunen Fensterläden und einem hölzernen Wagenrad über der Tür.

"Wir haben eine Treppe" - Was nach dem Brombeerschnitt so alles zum Vorschein kam
„Wir haben eine Treppe“ – Was nach dem Brombeerschnitt so alles zum Vorschein kam

Timos Vater zückt den Schlüssel und dreht ihn im Schloss. Zum Vorschein kommt ein etwa neun Quadratmeter großer, liebevoll eingerichteter Innenraum, mit einem Holztisch, zwei Stühlen, einer Eckbank, einem Ausklappsofa und mehreren Schränken. Darin Geschirr, Gewürze, alte Bierkrüge und Sammlertassen. Sogar Omas Lippenstift und Handcreme am Spiegel direkt am Eingang scheinen unberührt.

Gartenidylle
Gartenidylle
Erinnerungen an alte Zeiten
Erinnerungen an alte Zeiten

Wir lassen Luft und Licht ins Innere und öffnen die quietschenden Fensterläden so gut es eben geht. Von beiden Seiten versperren – Überraschung – Brombeerhecken und weiterer Wildwuchs die Zugangswege. Die Herren packt der Enthusiasmus und die Heckenscheren werden wieder geschwungen. Wir finden eine Küchenzeile mit funktionierender Gasflasche und Herd, Gartenmöbel und eine Gerätekiste, einen Geräteschuppen samt Gartengeräten und ein Toilettenhäuschen. Der Garten scheint riesig und unendlich je weiter wir vordringen. Nein halt, er ist ja riesig! 1600 Quadratmeter. Oh my…..

Radikaler Pflanzenschnitt
Radikaler Pflanzenschnitt
Die Küchenecke ist wieder zu erreichen
Die Küchenecke ist wieder zu erreichen
Grünschnitt über Grünschnitt
Grünschnitt über Grünschnitt

Wir schnappen uns eine Schale aus dem Sortiment von Oma und Opa und nutzen die Gelegenheit zum ersten Brombeerenpflücken. Etwas Gutes haben die großen, stacheligen Hecken ja – Sie sind voll mit reifen Früchten!

Ganz tief im Inneren des verwunschenen Gartens erspähen wir eine Pergola mit alten Blumenkästen und aus Holz gefertigten Sitzgelegenheiten. Morsch und voller Moos, aber man spürt mit wie viel Sorgfalt und Liebe hier früher einmal voller Hingabe alles gebaut und behütet wurde.

Hier haben wir immer gegrillt, sagt Timos Vater. Wahnsinn, wie sich die Natur alles zurückholt, wenn man sie lässt. Das wird richtig viel Arbeit. Wollt Ihr euch das wirklich antun?

Natur pur, das trifft es auf jeden Fall, denke ich und sehe uns schon mit Spaten und Rasenmäher bewaffnet durch den Garten wühlen. Endlich kommen die Gummistiefel nicht nur auf dem Musikfestival zum Einsatz. Das ist er. Das ist unser Garten.

Ich freue mich innerlich und ein Blick in Björns Richtung verrät mir: er auch.

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